Autofreie Kindheit
Aufgewachsen auf dem Land in einem Haushalt ohne Auto, erlebte Michael das Velo seit seiner Kindheit als vielseitiges Transportmittel. Sein Vater hatte selbst nie den Führerschein gemacht und pendelte aus dem Dorf, in dem sie wohnten, zehn Kilometer bis nach Winterthur. Auch zum Einkaufen oder zum Transport von Sand für den Sandkasten nahm er das Velo. «Für mich war das völlig normal und ich hatte nie das Gefühl, dass wir ein Auto nötig hätten», erinnert sich Michael. Bald wollte er nicht mehr im Anhänger sitzen und selber Velo fahren – einmal so schnell, dass er die Kontrolle über sein Gefährt verlor, über den Lenker flog, sich einen Milchzahn ausschlug und das Gesicht aufschürfte. Als er ab der vierten Klasse in die Schule im Nachbarsdorf radelte, installierte er am Lenker ein Tachometer und versuchte jeweils, den Weg in unter vier Minuten zu schaffen. «Ich fühlte mich immer sehr sicher mit dem Velo, und es gibt mir ein grosses Gefühl von Freiheit», sagt er. «Ich kann mich mit meiner eigenen Muskelkraft ziemlich flink bewegen, ohne grosse Spuren zu hinterlassen.»
Wie unpraktisch ein Auto in der Stadt sein kann, wurde ihm während seiner Lehre als Maschinenmechaniker bewusst, für die er mit dem Velo nach Winterthur pendelte: Einer seiner Nachbarn, der morgens oft zu einer ähnlichen Zeit mit dem Auto losfuhr, blieb bei der Einfahrt in die Stadt regelmässig im Stau stecken, sodass Michael ihn wieder überholte. «Am Ende waren wir oft gleich schnell,» erinnert er sich. Während des Arbeitsweges machte er sich auch ein Spiel daraus, sämtliche Autos und deren Insassen zu zählen. Dass auf ein Auto durchschnittlich nur 1.2 Insassen kamen, fand er erschreckend. So begann er ab Mitte der 1990er-Jahre, sich für verkehrspolitische Anliegen zu engagieren – für mehr Velowege, für die Halbierung des motorisierten Verkehrs, für eine nachhaltigere Mobilität. Bereits damals war er theater- und musikbegeistert, spielte in einer Band und brachte seine Liebe fürs Velofahren im Song «Nimm doch ds Velo» zum Ausdruck.
Unterwegs mit dem Twike
Den Führerschein machte er dann doch – im Jahr 2001, mit 22 Jahren. Aber nicht, um ein normales Auto zu fahren. Vielmehr hatte er 1996 mit Interesse beobachtet, dass das Twike für den Strassenverkehr zugelassen wurde: ein dreirädriges Elektrofahrzeug, in dem zwei Menschen nebeneinander sitzen und bis zu 85 km/h fahren können. Pedalen geben die Möglichkeit, einen Teil der Energie mit Muskelkraft beizusteuern. «Es ist das absolute Minimum, das du brauchst, um zwei Menschen in dieser Geschwindigkeit trocken von A nach B zu bewegen», sagt Michael. Er kaufte ein gebrauchtes Twike und machte es zusammen mit einem Freund wieder verkehrstauglich. Neben privaten Fahrten unternahmen sie damit auch «viele kleine und grosse Aktionen, um den Gedanken der elektrischen und suffizienten Mobilität an die Öffentlichkeit zu bringen». Beispielsweise eine Parade von 120 Twike-Fahrzeugen auf dem Bundesplatz oder eine medienwirksam inszenierte Reise bis ans Schwarze Meer. «Wir wurden damals ausgelacht und viele sagten: Vergiss das mit der Elektromobilität!» erinnert er sich. Wobei er auch feststellt: «Männer haben uns ausgelacht. Frauen mit Kindern haben uns angelacht. Vielleicht wäre es gut, wenn wir mehr Frauen in der Politik hätten.»
Auf seine Lehre folgten verschiedene berufliche Stationen: Er holte die Matura nach, machte den Vorkurs an der Jazzschule Zürich, hospitierte an Theaterhochschulen und studierte dann internationale Landwirtschaft an der Fachhochschule Zollikofen. Danach arbeitete er während fünf Jahren als Berater für nachhaltige Landwirtschaft, lebte ein Jahr in Nicaragua, ein halbes Jahr in Mexiko und betreute im Anschluss Projekte in diversen Ländern Lateinamerikas und Europas. «Es war eigentlich die einzige Zeit in meinem Leben, wo das Velo in einer Ecke verstaubte», sagt Michael.
Zurück zum Velo
Sein Twike verkaufte er, als er ins Ausland ging. Und zurück in der Schweiz habe er schnell gemerkt, dass es ihm auf dem Velo am besten gefällt: «Wenn ich aufs Velo sitze, bin ich glücklich. Es macht Spass, draussen zu sein in der Natur und zu merken, wie ich mit meiner Muskelkraft effizient vorankomme. Und Velofahren ist immer auch eine schöne Zeit, um Gedanken kreisen zu lassen und etwas in Bewegung zu bringen.»
Als er 2015 seine Festanstellung als Agronom kündigte, um sich als Schauspieler und Musiker selbständig zu machen, kam er auch zu DÉFI VÉLO: Seither vermittelt er als Kursleiter seine Freude am Velofahren und sein Wissen zu einfachen Reparaturen und sicherem Fahren im Strassenverkehr an Jugendliche. «Ich finde es ein cooles Projekt und fühle mich unter all den velobegeisterten Leiter:innen sehr wohl.»
Mit seiner Arbeit auf der Bühne, mit Liedern, Geschichten und in Diskussionen will er die Menschen berühren, zum Nachdenken anregen und zu Veränderung inspirieren. «Wir müssen uns fragen: Was ist wirklich wichtig für ein glückliches Leben, und worauf können wir verzichten, damit es für alle reicht und unser Planet auch für nachkommende Generationen erhalten bleibt? Suffizienz ist ein zentrales Thema und Teil der Lösung für die aktuellen globalen Herausforderungen», ist Michael überzeugt. Doch die Wirtschaft habe kein Interesse daran, die Leute zu weniger Konsum anzuhalten, und auch die Politik vernachlässige das Thema. Daher könne die Kunst hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie nichts verkaufen muss und mit positiven Geschichten berühren kann.
Genau das war das Ziel seiner «Wie wenig ist genug Tour», für die er 2022 den Spotlight-Preis der Stiftung ClimaNow gewann. In deren Rahmen war er 2023 während 100 Tagen unterwegs mit dem Velo – als Sänger, Vortragsredner und Geschichtenerzähler, immer auf der Suche nach Begegnungen und Austausch mit Menschen. So fuhr er zum Beispiel kurz vor der Abstimmung zum Klimagesetz in fünf Tagen ein 500 Kilometer grosses Herz auf die Schweizerkarte: am Velo ein GPS-Tracker, im Anhänger eine Musikanlage, auf der er den eigens dafür geschriebenen Song «Ja zum Klima» abspielte. Oder er lud ein zur gemeinsamen Fahrt entlang der Aare: in acht Tagen von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein, mit Zwischenhalten an einer Klimademo, einem Filmfestival und weiteren Stationen. Persönliche Begegnungen, Austausch und das Vertrauen, das dadurch aufgebaut wird, sind aus seiner Sicht zentral: «Wenn wir das eigene Feuer pflegen und zum Dazusitzen einladen, kann der Funke auch bei anderen Menschen entfacht werden. Die Faktenlage ist längst klar, und diejenigen, die nichts machen wollen, werden auch durch eine Studie mehr nicht überzeugt.» Die Begegnungen und Geschichten, die er in den 100 Tagen sammelte, waren für Michael eine erlebnisreiche Recherche, die er nun in weiteren kreativen Projekten umsetzen wird.
Das Velofahren ist für ihn ein wichtiger Teil eines suffizienten Lebensstils, aber vor allem eines: Glück auf zwei Rädern.
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