Vom Hügel-Frust zur Entdeckungsreise
Ihre Liebe fürs Velofahren entdeckte Anna-Tia erst relativ spät. Zwar hatte sie schon früh Velofahren gelernt, und das rote Pumuckl-Velo, das sie im Alter von fünf Jahren erhielt – das erste Velo, das sie nicht von der älteren Schwester übernahm – ist ihr bis heute in guter Erinnerung geblieben. Aber zur Schule fuhr sie nur sporadisch, «weil da auch noch ein Hügel dazwischen war», und die beiden Veloreisen mit dem Zelt, die sie im Alter von zehn und dreizehn Jahren mit ihren Eltern unternahm, machte sie nur semi-enthusiastisch mit. «Ich fand es eher anstrengend», erinnert sie sich.
Das änderte sich, als sie 2012 mit 19 Jahren nach Toulouse zog, um dort an der Universität ein Jahr lang einen Kunstvorkurs zu besuchen. Die Stadt war flach, das Velo wurde schnell das Hauptbewegungsmittel, um im Alltag von A nach B zu kommen, und um an Wochenenden mit Studienkolleg:innen entlang der Garonne oder dem Canal du Midi aus der Stadt hinauszufahren. Zum Abschluss ihres Aufenthalts kaufte sie sich ein besseres Velo und fuhr zusammen mit ihrem damaligen Freund in drei Wochen von Toulouse bis nach Hamburg. «Damals habe ich gemerkt, wie toll es ist, einfach spontan loszufahren, mit dem Zelt und zusammen mit anderen Menschen, die mit mir das Erlebnis teilen.»
Gruppenleiterin bei DÉFI VÉLO
Als Anna-Tia nach dieser Reise nach Lausanne zog, um in Vevey Fotografie zu studieren, suchte sie nach einem Nebenjob – und fand über ein Stelleninserat zu DÉFI VÉLO, das damals erst im Aufbau und lokal verankert war. Die Arbeit als Gruppenleiterin gefiel ihr so gut, dass sie dem Projekt auch treu blieb, als sie nach Luzern umzog, um dort zusätzlich einen Bachelor in visueller Kommunikation abzuschliessen. Was andere Gruppenleiter:innen an den Kurstagen von weiten Fahrradreisen auf anderen Kontinenten erzählten, motivierte sie dazu, auch grössere Reisen mit dem Velo zu unternehmen.
Die bisher aussergewöhnlichste führte nach Bolivien, wo sie zusammen mit ihrem Freund zwei Wochen lang durch die Atacama-Wüste fuhr: 400 Kilometer über Sand oder holprige Salzkruste, vorbei an Salzseen und Flamingos, stets einen kühlen Wind im Rücken, im Gepäck ein Zelt und genügend Wasser und Proviant für den Tag. «Es war ein krasses Erlebnis», erinnert sie sich. «Es sind einfach magische Landschaften. Und es gibt da keine geteerten Strassen, normalerweise fahren da nur Touri-Jeeps durch. Dass wir es geschafft haben, diese Wüste einfach nur mit dem Fahrrad zu durchqueren, fand ich total beeindruckend.»
Durch Zürich und um den Uetliberg
Inzwischen lebt Anna-Tia als Fotografin in Zürich. Auch diese Stadt hat sie mit dem Fahrrad kennengelernt, mit der Kamera im Rucksack unterwegs zu Aufträgen für den Tages-Anzeiger und später für weitere Auftraggeber. «Ich bin immer überrascht, wenn ich mit Leuten unterwegs bin, die das Fahrrad im Alltag kaum nutzen», sagt sie. «Sie haben ein ganz anderes Stadtgefühl. Für mich ist es einfach Freiheit und Spontanität und flexibel sein, ich würde das nie aufgeben wollen.» Einen Führerschein habe sie zwar gemacht, für grössere Transporte sei ein Auto praktisch, da leihe sie eines aus. Aber in ihrem Alltag spiele es keine grosse Rolle.
Dass das Velo auch für andere selbstverständlicher wird, dafür brauche es vor allem eines: mehr und breitere Velowege in den Städten, damit sich auch Ungeübte sicher fühlen. «Wenn man sich sicher fühlt, kann man den Platz einnehmen, der einem auf der Strasse zusteht – und dann können die Autos einen auch ein bisschen weniger blöd überholen», sagt sie. Sie selbst meidet gewisse Strecken, wo Autos zu schnell fahren und kein Veloweg vorhanden ist. Ausserhalb der Städte sei das Angebot in der Schweiz schon gut, in den Städten selbst aber könnte noch mehr investiert werden, findet sie.
Für Anna-Tia ist Velofahren längst mehr als ein Mittel, um schnell von A nach B zu kommen. Es ist ihre liebste Art, eine Region kennenzulernen, Landschaften zu entdecken und gleichzeitig in Bewegung zu sein. Sie träumt davon, eines Tages ins Land zu fahren, in dem sie als Kind mit ihrer Familie eine Zeit lang lebte: Kirgistan. Ob sie die ganze Strecke von der Schweiz bis nach Zentralasien fahren wird, weiss sie noch nicht. «Aber nach Kirgistan mit dem Fahrrad», sagt sie, «das würde ich sehr gerne mal machen.»
Bis es so weit ist, erkundet sie erst einmal die Umgebung von Zürich. Mehrmals pro Monat bricht sie abends nach der Arbeit mit einer Gruppe von Freunden zu kleinen Gravel-Touren auf – durch Wälder und über Felder rund um den Uetliberg, eine Route, die jedes Mal jemand anderes plant. Anders als im Alltag geht es hier ums Fahren selbst, ums Entdecken, ums Zusammensein. Und wenn der Weg dabei auch mal steil wird – kein Problem. «Inzwischen finde ich es spannender, wenn es nicht nur flach ist, sondern auch mal hoch und runter geht.»
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