Familienausflüge, Schanzen und erste Sprünge
Das Velo gehörte für Alan von Kindsbeinen an mit dazu. Aufgewachsen in einem Dorf in der Nähe von Mühleberg (BE), war er schon immer gern in Bewegung und verbrachte viel Zeit draussen – auf Inline-Skates, auf dem Skateboard und auf dem Velo. An den Wochenenden machte er mit seiner Familie oft Ausflüge mit dem Velo. «Ich liebte es, unterwegs zu sein», erinnert er sich. «Aber hinauffahren hasste ich.» Während Bruder und Vater vorausfuhren, kämpfte er sich mit seiner Mutter den Berg hoch, manchmal unter Tränen.
Mit Eintritt in die Sekundarschule wurde das Velo für Alan zum Transportmittel: Die Schule war auf dem Allenlüften-Hügel gut 4 Kilometer entfernt, Schulbus gab es keinen und mit seinen zwölf Jahren war er noch zu jung für die Töffliprüfung. «Da hiess es schlicht: Nimm das Velo.» In dieser Zeit entdeckte er erstmals vollgefederte Mountainbikes in den Läden. Eigentlich lagen diese weit über seinem Budget, aber nachdem er in einem Wettbewerb bei der Migros ein Fitness-Abo gewonnen und verkauft hatte, konnte er sich sein erstes gefedertes Mountainbike kaufen: ein oranges Bike der Marke California. Damit fuhr er nun täglich, manchmal auch querfeldein über Wiesen und abseits der Wege. Als er sich an einer Velobörse zudem ein BMX leisten konnte, begann er, damit Tricks und Sprünge zu üben – auf Schanzen, die er mit Kollegen auf einer Baustelle hinter dem Schulhaus baute. Inspiration holte er sich aus Sportmagazinen, die er aus Altpapier-Containern rettete. «Damals gab es noch kein Youtube, und wir mussten uns die ersten Tricks selbst beibringen», sagt Alan.
Vom Gravity-Mountainbiker zum Trailbauer
Als Alan in Bern eine Banklehre antrat, verschwand das Velo aus seinem Alltag: Er pendelte mit Postauto und Zug in die Hauptstadt, und in seiner Freizeit fuhr er inzwischen mit dem Töffli, später mit dem Motorrad, wenn er Freunde oder eine Party besuchte. Den Weg zurück zum Velo fand er, als er Anfang zwanzig eine Stelle bei der Swisscom in Worblaufen antrat: Er zog nach Bern und kaufte sich auf einem Flohmarkt ein Rennvelo, mit dem er fortan täglich zur Arbeit radelte. Begeisterter Freestyle-Snowboarder im Winter, suchte er zudem einen Sommersport. Als ein Arbeitskollege ihn darauf hinwies, dass auf dem neu legalisierten Gurten-Trail ein Mountainbike-Testwochenende stattfinden würde, ging er hin – und raste den Trail hinunter. Am Folgetag sagte er seinem Kollegen noch, der Sport sei nichts für ihn: «Es war huere geil, aber mein Rücken tat so weh, dass ich kaum noch gehen konnte», sagt er im Rückblick. «Wie muss ich da runtergefahren sein, als Anfänger, mit viel zu viel Tempo und völlig steif!»
Doch bereits ein paar Tage später waren die Schmerzen vergessen, und wenig später kaufte er bei einer deutschen Startup-Firma im Internet ein vollgefedertes High-End-Mountainbike zum halben Preis. Er hatte seinen Sport gefunden, und fortan verbrachte er im Sommer einen Grossteil seiner Freizeit auf Downhill-Strecken – zunächst in der Umgebung von Bern, und als er mit 23 Jahren für eine Stelle als Nachtclub-Manager nach Davos zog, auch in den Bergen. «Im Winter war ich auf dem Snowboard, im Sommer auf dem Bike», sagt er.
Als er im Internet Videos von Downhill-Mountainbikern entdeckte, die in Kanada von hohen Gipfeln durch unberührte, wilde Landschaften runterfuhren und dabei mehrere Meter weit über Schluchten sprangen, wusste er: Das will ich auch machen! Er flog nach Vancouver, richtete sich einen Mini-Van ein und reiste vier Wochen lang durch die Region. «Dort lernte ich die ganz verrückten Leute kennen und fuhr selbst die Strecken, die ich in den Filmen gesehen hatte.»
Nach zwei Jahren Festanstellung im Nachtleben kündigte er – und wurde angefragt, ob er mithelfen wollte, die Wanderwege rund um Davos so umzubauen, dass auch Mountainbiker sie fahren konnten. «Es war der schönste Job, den man sich vorstellen kann», sagt er. Anstrengend sei es gewesen, weil sie alles von Hand bauten. «Aber wir waren den ganzen Tag draussen auf dem Berg, und probierten die neuen Strecken-Abschnitte immer selbst aus.» Neben seinem Job bei der Trail-Crew Davos half er auch in anderen Regionen, Infrastruktur für Mountainbiker aufzubauen. Und jeden Sommer reiste er für einen bis zwei Monate nach Kanada – um selbst zu fahren, und um schliesslich auch dort beim Aufbau neuer Trails mitzuhelfen.
Unfälle hatte er sehr wenige: Im ersten Jahr beim Mountainbiken auf dem Gurten zertrümmerte er bei einem Sturz seine Mittelhand, sechs Jahre später brach er bei einem Sturz in Kanada sein Gesicht vier Mal. Aber auch nach diesen Unfällen hatte er nie Angst, Strecken zu fahren, die andere für verrückt und gefährlich hielten: «Ich habe gelernt: Stürze nicht im Stillstand! Bleib so schnell wie möglich, dann kannst du dich vom Bike katapultieren.» Er sei im Verlauf der Jahre wohl an die 1000 Mal über den Lenker geflogen, aber ausgerüstet mit Rückenpanzer, Fullface-Helm und Knieschonern lernte er schon bald, so zu fallen, dass er sich nicht ernsthaft verletzte.
Velokurse für Schulklassen und Senior:innen
In seiner Zeit in Davos absolvierte Alan auch die Ausbildung zum Swiss Cycling Guide und arbeitete mehrere Jahre für Swiss Cycling beim Programm bikecontrol, in dem er schweizweit Primarschulklassen Fahrtechnik vermittelte. Als er mit achtundzwanzig Jahren zurück nach Bern zog, suchte er nach ähnlichen Projekten. Über Pro Velo stiess er auf DEFI VELO, das damals in der Deutschschweiz noch im Aufbau war, und wurde auch hier zum Kursleiter. «Neben dem Jobben war das meine Leidenschaft: mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit dem Velo zu arbeiten», sagt er. Er gründete auch eine eigene kleine Bike-Schule in Bern, wo er Kurse sowohl für Gruppen als auch für Einzelschüler:innen anbot. «Man kann bei mir den Rückwärtssalto mit dem Mountainbike lernen – aber ich begleite auch gern eine 76-jährige Seniorin, die mehr Sicherheit auf ihrem neuen E-Bike gewinnen möchte», sagt er.
Nur: Leben konnte er davon nicht. Zumindest nicht, wenn er seine Leidenschaft fürs Velo bewahren und noch Zeit für eigene Abenteuer haben wollte. So musste er daneben immer wieder Jobs annehmen, um sich finanziell über Wasser zu halten. Er war überglücklich, als er diesen Sommer eine Stelle als Manager im Swiss Bike Park Oberried antreten durfte – einer Anlage, die Schulklassen, Familien und Leistungssportler:innen gleichermassen anzieht und allen unentgeltlich offensteht. Drei Wochen vor Stellenantritt war er bereits vor Ort, als 30 Schulklassen aus der ganzen Schweiz zum nationalen MyBikeDay in den Park kamen. «Ich bin sehr happy», sagt er.
Der Job vereint, was Alan seit Jahren mit Leidenschaft lebt: Infrastruktur bauen und pflegen, Kinder und Jugendliche aufs Velo bringen, selbst draussen in Bewegung sein. Und da die Stelle nur 80 Prozent ist, bleibt ihm genügend Zeit für eigene Velo-Projekte. Wobei er inzwischen nicht nur Downhill fährt, sondern auch mehrwöchige Fernreisen unternimmt, für die Ausdauer nötig ist. «Anstatt irgendwohin zu fliegen, ist beim Velofahren das Unterwegssein selbst das Ziel», sagt er. «Gehen wäre mir zu langsam, aber das Velofahren hat für mich genau die richtige Geschwindigkeit!»
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